Billiger zu haben als Frau Schmidt aus der Buchhaltung…
Unwissende regen sich über sexistische und verachtende Werbung von Tele2 auf ohne Ahnung von der Materie und den Grundlagen der Spots.
Über Geschmack läßt sich ja bekanntlich vortrefflich streiten. Und das gilt nicht nur für Autos, Kunst, Musik und Frauen (respektive Männer), sondern auch für den Stil und die Machart von Werbung.
Derzeit macht der Telefon- und Internetanbieter Tele2 Werbung für seine “kostenlose” Flatrate. Wir wollen jetzt nicht darüber diskutieren ob dieser Zugang nun wirklich für 0 Eur zu haben ist und ob hier der Verbraucher nicht irgendwie zum Narren gehalten wird. In diesem speziellen Fall geht es mehr um den Werbeträger und den Slogan.
Als Schauspieler für die unterschiedlichen TV-Spots und Plakate hat Tele2
verpflichtet, der dort in seiner Rolle als Bernd Stromberg aus einer im Jahr 2006 gelaufenden Pro7 Serie (die übrigens lobenswerterweise komplett über die Webseite von Pro7 angesehen werden kann) auftritt.
Dieser Typ “is nen janz fiese Charakter” wie der Kölner sagen würde. Als Chef einer Schadensregulirungsabteilung in einer Versicherung schikanierte Stromberg in dieser Fernsehserie seine Mitarbeiter und zeigte seine soziale Inkompetenz durch markige Sprüche und hirnloses Verhalten.
“Geld? Macht doch nicht glücklich… Gemischter Tach in der Sauna und da schön den BimmBamm baumeln lassen, dass macht glücklich!”
Die Serie hatte viele Fans und diese waren vor allem in der von Tele2 vermutlich aversierten Zielgruppe zu finden, junge Männer…
Was auch immer von dieser Serie hält, es ist natürlich ein kluger Marketinggag diese Hauptfigur als Werbeträger für ein Produkt, dass mit kostenloser Verfügbarkeit angepriesen wird, zu nutzen, wenn man die Fans dieser Serie als primäre Zielgruppe hat.
Mittlerweile hat sich sogar eine kleine Fangemeinde entwickelt, die die Produktion einer dritten Staffel fordert. Diese werden direkt angeprochen.
Was stellt man aber nun in den letzten Tagen und Wochen fest? Verschiedene Gruppen halten die Fahne des Protestes hoch in die Luft. “Sexistisch” sei die Werbung und “ohne jeden Geschmack”. Aber nicht nur die Kaffeekränzchenparolen der weiblichen Konsumenten, nein, auch die Kritik von Expertinnen, die eigentlich wissen sollten wie man sich mit Hintergrundinformationen versorgt, schallt einem entgegen.
Eins der letzten Beispiele ist Venus FM auf WDR5. Dort verlass eine Journalistin/Redakteurin (Imke Markgraf) ihren Kommentar zu dieser Form der Werbung, wobei Sie sich im Besonderen über den Slogen aufregte.
Billiger zu haben als Frau Schmidt aus der Buchhaltung…
Offensichtlich hatte Frau Markgraf keine Ahnung, dass alle in der Tele2 benutzen Slogans und die von Herrn Herbst verkörperte Figur Teil einer Fernsehserie waren bzw. sind. Anstatt sich nun darüber aufzuregen, dass die Sprüche das Blödeste sind und wir doch “sicherlich wissen, dass die Frau Schmidt aus der Buchhaltung unbezahlbar ist”, und damit in das immer gleiche Horn der “Zu Hülf, schon wieder wurde eine barbieartige Frau als Werbeträgerin mißbraucht und jetzt wird sogar schon wieder abfällig über Frauen im Werbefernsehen hergezogen”-Frauen zu tröten, hätte Frau Markgraf einmal hinter die Kulissen schauen können.
Ich werde mich jetzt bestimmt nicht aufregen, wenn die nächste ColaLight Reklame auftraucht und man sich im Hochsommer als Mann wieder anhören muss: “Warum kannst du eigentlich nicht so sexy aussehen, wenn du unseren Kühlschrank nachfüllst?”. Ich werde auch nicht nur kurz an die alte Spontexwerbung erinnern, in der der Mann als Putzschwamm mißbraucht wird oder an den Zewa-Spot indem der Mann als letztes Übel einfach weggewischt wird.
Ganz aktuell auch die Werbung von Senseo, bei der sich die Kaffee genießende Frau wünscht, dass Ihr Freund von der Klippe stürzt, damit sie in Ruhe weiter das Bohnenheißgetränk verkosten kann.
Aber kann man sich denn nicht einfach mal über solche Spots amüsieren ohne gleich wieder die Moralkeule rauszuholen?
Da die Spots ja soger aus dem Download verschwunden sind, den Tele2 angeboten hatte (keine Sorge, einen Spot hatte ich im Internet aufgespürt und diesen hier angehängt) und auch der Slogan dort jetzt viel entschärfter klingt.
Da für einige Zeit alle Spots auf der Tele2 Seite nicht mehr downloadbar waren (inzwischen sind sie wieder da) und auch der Slogan dort entschärft wurde:
“Ich rieche ja ein gutes Angebot wenn ich es sehe”
könnte es sogar sein, dass Tele2 von irgendwelchen Stellen (Hallo Emma? Hallo Alice Schwarzer?) ordentlich Druck bekommt. Aber wann werden die Kritiker verstehen, dass Werbung nicht allen gefallen kann, wenn sie erfolgreich sein will. Marketing ist keine Demokratie und letztlich zählt wieviel Produkte man verkauft.
Wie auch immer! Mir gefällt als begeisterter Zuschauer der Serie die Werbung und ich bin mit Sicherheit in der Zielgruppe zu verorten
. Ich bin mal gespannt ob nun alle Tele2 Plakate verschwinden.
Gedanken? Kommentieren! (Auch Frau Schwarzer darf und sollte!
)
Edit: Ganz im Gegensatz zu einer Werbung mit Konzept und Hintergrund steht übrigens diese hohle Alice-Werbung für das ISDN und DSL Angebot von Hansenet. Wann werden die Marketinggurus endlich lernen, dass es mit einer hübschen Frau alleine nicht getan ist (die übrigens zu krasse Augenbrauen hat, aber egal…). Das ist zwar auch nicht umbedingt zu verurteilen, aber schon niveaulos und mit sicherheit ziemlich beschränkt.
Edit: Nur weil ich jetzt schon zweimal gefragt wurde: Das Model, dass in der Alice Werbung zu sehen ist heißt mit Namen Vanessa Hessler und kommt aus Rom. Angeblich war sie 17 als die Kampagne erstellt wurde!
Wen zur Hölle interessiert sowas?
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